Vor 50 Jahren holten drei Nordsachsen den Weltpokal

LVZ 19_09_21
Als der Knoten platzte und die die DDR das Nonplusultra im Volleyball war – mit heutigen GSVE-Granden
 
Die Goldene Generation des deutschen Volleyballs: Die DDR-Nationalmannschaft beginnt 1969 ihren Siegeszug. Repro: Alexander Bley

Nordsachsen. 0:2 gegen Japan hinten – etwa schon wieder auf der Zielgeraden wegknicken? Im Hinterstübchen kommt das hoch, mit Sicherheit. Trotz der tausendfachen Wiederholung von Abläufen, trotz unermüdlichem Training bis zur Erschöpfung, trotz unglaublicher Fitness. Der 4. Platz – darauf hatte die DDR im Volleyball ein Abo. 1966 bei der WM in der Tschechoslowakei, 1967 bei der EM in der Türkei, 1968 bei Olympia in Mexiko. Und nun ausgerechnet zu Hause, im Schaufenster Ost-Berlin im alles entscheidenden Spiel der Endrunde, vor den Augen Walter Ulbrichts: Sekt oder Selters.

„Wir waren noch nicht durch, wir brauchten einen Satz“, erinnert sich Günter Schweitzer, damals zarte 23 und einer der Jungspunde in der Nationalmannschaft. Bis zum alles entscheidenden Spiel am 20. September 1969 war die DDR ohne Niederlage durch das Weltpokal-Turnier marschiert, Japan hatte sich gegen Brasilien einen Ausrutscher geleistet, hätte mit einem Dreisatz-Sieg aber noch vorbeiziehen können. 15:6 im Dritten. Alle Dämme brechen. Wie Flummis hüpfen die Spieler über das Parkett. Endlich war er geplatzt, der Knoten. Mit dem Weltpokal war der erste große Titel in Sack und Tüten.

50 Jahre ist das her, die Goldene Ära des deutschen Volleyballs, an die man bisher weder in Ost noch in West der Republik anknüpfen konnte. Einziger Fingerzeig: vor zwei Jahren die Silbermedaille bei der Europameisterschaft. An diesem Sonntag muss Deutschland bei der EM ausgerechnet in Apeldoorn gegen die Niederlande ran.

Das Spiel hat sich stark verändert in den vergangenen 50 Jahren. Direkte Punkte, schnelles Spiel, baumlange Männer. Die besten deutschen Spieler messen sich in Europas Ligen, in Polen, Russland oder Italien mit der Weltspitze. Damals hieß Konzentration das Zauberwort und ein Einschrumpfen der Liga. Ausgerichtet wurde alles auf die großen Turniere auf internationaler Ebene.

Und mittendrin eben jener Schweitzer (73), der beim GSVE seit 2002 in Delitzsch im Hintergrund die Fäden zieht, als Manager. Oder ein Eckehardt Pietzsch (79), oder ein Arno Schulz (76). Allesamt aus der Nähe von Torgau. Allesamt aus Nordsachsen. Lok Torgau war der Rohdiamantschöpfer für die Kaderschmiede in Leipzig. „Im Internat gab es einen Volleyballplatz“, erinnert sich Pietzsch, der in Blumberg aufwuchs und 1958 zum SC Rotation Leipzig delegiert wurde. Schweitzer, der im Alter von fünf Jahren seine Eltern verlor und im Kinderheim in Kathewitz aufwuchs, wurde 1964 zur Juniorenauswahl in Leipzig geholt.

Pietzsch schlug einst bei 3,41 Meter Höhe auf den Ball, bei einer Körpergröße von 1,87 Meter, als Zuspieler. In ähnlichen Sphären schwebte auch Schweitzer, umgeschult vom Angreifer zum Zuspieler. „Anfangs haben sie über uns gelacht“, erinnert sich Pietzsch, „wir haben mit sehr hohen Pässen angegriffen. Das war ein sicheres Spiel, ohne große Risiken. Später haben wir uns angepasst, kurze Bälle über die Mitte gespielt oder schnelle Pässe auf Außen.“ Hinzu kamen die Ausgeglichenheit auf allen Positionen sowie die Eingespieltheit. Die sich zum Nachteil wandelte: „Die Mannschaft ist zu lange zusammengeblieben, es wurde versäumt Nachwuchs einzufügen“, sagt Schweitzer, „’72 kam der große Cut.“

Aber bis dahin war die DDR das Nonplusultra im Volleyball: Dem Weltpokal folgte der WM-Titel ’70, Olympia-Silber ’72. Zwei Erfolge, die Schweitzer verpasste – wegen einer Knie-OP und einem Bandscheibenvorfall. Dafür nahm das ein anderes bekanntes Gesicht des Delitzscher Zweitligisten mit: Hans Jürgen Maune, bis 2017 Co-Trainer von Frank Pietzonka. Einer weiteren SCL-Legende.

Am 7. Oktober treffen sich die Größen von einst im Bayrischen Bahnhof Leipzig.

 

LVZ, 21.09.2019